2018-11-27

Wir stellen vor: #rpAccra-Speaker Sénamé Koffi Agbodjinou

Sénamé Koffi Agbodjinou, überaus umtriebiger togolesischer Architekt und Anthropologe, ist unter anderem auch Gründer von „L’Africaine d’architecture” – einer gemeinschaftlichen Forschungsplattform, die sich der Untersuchung von Architektur in afrikanischen Städten widmet. Zu seinen weiteren Projekten gehören: #LowHighTech, HubCity, WoeLabs, #siliconvillage, die „lokal verortete Digitalisierung“ und W.Afate – alles Begriffe, die von seiner ganz neuen Vision von Urbanismus zeugen. Von der Stadt zum kollektiven Abenteuer träumt er von einer Idealstadt, die auf Gemeinschaft beruht und von Stadtbewohnern für Stadtbewohner erschaffen wird.

Was ist das WoeLabs-Modell? Wie arbeiten Sie?

Ein bisschen FabLab, ein bisschen Coworking Space, ein bisschen Startup-Werkstatt; man muss sich die WoeLabs als ein Netz von Stadtteilhäusern 2.0 vorstellen: Experimentier- und Testräume, die auf dem Modell eines „Initiationsraumes“ basieren und im urbanen Kontext eine ähnliche Funktion wie in organischen und traditionellen Gesellschaften erfüllen. Anders gesagt: Es handelt sich bei WoeLab um eine gemeinsam genutzte Einrichtung, wo Jugendliche dank einer Verpflichtung zum Teilen ihr Potenzial erkennen und erschließen und in der Gemeinschaft Projekte anstoßen. Die interessantesten Ideen entwickeln wir weiter zu Unternehmen. Derzeit befinden sich bereits ein halbes Dutzend Startups (alles Smart-City-Lösungen) in der Prototypenphase.

WoeLab unterstützt somit die urbane Utopie #HubCity, bei der nicht mehr der Entscheidungsträger, Architekt oder Planer die Person ist, die die Initiative bei der Umgestaltung der Stadt ergreift, sondern der Unternehmer. Aus diesem Grund leisten die Labs einen wesentlichen Beitrag zur Demokratisierung.

Bei all dem spielt das „Gemeinschaftliche“ die zentrale Rolle. Die Gemeinschaft organisiert alle Stufen der Initiative in Teilstücken. Die Konzepte von Öffnung, Teilen, Kollektivität, Zusammenarbeit usw. sind Mittel zur Verwirklichung dieses gemeinschaftlichen Ansatzes. Wir wollen an dieser Stelle einige Beispiele für diese Arbeit im Gemeinschaftlichen auf drei Ebenen darstellen: auf der urbanen Ebene, der Ebene des Raums und der Ebene des Produkts.

1. Auf der urbanen Ebene geht es selbstverständlich darum, die Entwicklung zu einer Stadt zu lenken, deren innere Dynamik aufgenommen und weitergegeben wird. Die Produktionsmittel, in diesem Fall die Startups, sollen sich kollektiv im Besitz der Gemeinschaften der verschiedenen Labs befinden und von diesen verwaltet werden. Es gibt also keine Unternehmenschefs, sondern gemeinschaftliches Eigentum an allen Projekten seitens einer Gruppe von „Gesellschaftern“ (die unter den Teilnehmern eines jeden Lab gebildet wird). Diese Gruppe profitiert dann auf der Basis ihres Zutuns von den Früchten des Projekts. Die Startups funktionieren wie leere Behälter, die über Saugpumpen mit den Labs verbunden sind und deren Zu- und Ablaufsystem je nach Auftrag oder Entwicklungsstrategie punktuell oder kontinuierlich aus den Humanressourcen schöpft. Sie erzeugen zusammen einen Reichtum, der in der Gemeinschaft auf- und verteilt wird, wobei alle Mitglieder der Gemeinschaft, die sich gemäß ihren Kompetenzen und Verfügbarkeiten in diesen verschiedenen Unternehmen einbringen, Besitzer dieses Reichtums sind.
Nähe und Intimität. „Zentralität, Bezug und Beziehungsgeflecht“
Es gibt mit jedem der Labs des HubCity-Netzes die Vereinbarung, auf einen Umgebungsradius von 1 km einzuwirken. Die Unternehmen bilden mit den dort kreierten und inkubierten Innovationsprodukten und -dienstleistungen die Gruppe #SiliconVillage. Sie befassen sich allesamt mit einem urbanen Schwerpunktthema: Abfallwirtschaft, Mobilität, Kommunikation, Ressourcenmanagement usw., sodass ein breites Spektrum an Problemen der Stadt abgedeckt wird und die Gemeinschaft zum wichtigsten Motor der Stadttransformation wird.
Bei unserem Inkubationsansatz von HubCity stehen die von uns geschaffenen Unternehmen, die alle vor Ort verankert und miteinander solidarisch verbunden sind, im Dienst der jeweils anderen Unternehmen und bilden somit ein „komplettes“ Ökosystem, das zumindest zu Beginn die Zusage einer gewissen Selbstversorgung mitbringt. Ihre ersten Verträge erhalten die Unternehmen im unmittelbaren Umfeld dieses Ökosystems, womit ein Wirtschaftsleben ermöglicht wird, das allein auf das Netz von Inkubatoren ausgerichtet ist (dies ist das, was wir als „Zentralität“ bezeichnen). Man kann sich das System als eine Art Räderwerk vorstellen. Bevor sich die „HubCity“-Dienste für die angrenzende Umgebung und später für die Welt öffnen, profitieren sie von der Verfügbarkeit anderer innovativer Web- und Hardware-Unternehmen, die sie als potenzielle Kunden, Lieferanten oder Dienstleister für sich nutzen. Ein einzigartiges Inkubationsbad, in dem unter anderem Strategie, kreative Intelligenz und logistische Ressourcen zusammenfinden. Diese Unternehmenskooperativen bilden eine autonome und nachhaltige Basis, da sie ihre Tätigkeit aufnehmen können, ohne sich auf die Suche nach ersten Kunden begeben zu müssen, und jederzeit Arbeit in den einzelnen WoeLabs finden. Wenn die Unternehmen nun aus diesem Netz heraustreten, verdienen sie ihr Geld in ihrer angrenzenden Umgebung; der Umkreis um jeden Inkubator beträgt ca. 1 km, und genau für diesen Umkreis soll das Unternehmen die vor Ort bestehenden Probleme angehen (dies ist der „Bezug“). Die vollständig gebootstrappten Unternehmen sollen anschließend durch fortlaufende Iterationen „schlank“ wachsen. Innerhalb des HubCity-Bereichs formt dieser Startup-Park ein Netz von Schwesterunternehmen, das die Stadt aktiv bearbeitet. Ein solches Netz kann sich als dicht genug erweisen, um über die Vermittlung der Inkubationspunkte idealerweise nach einem eigenen Austauschsystem zu streben.

2. Was die soziale Ebene dieser einzelnen Inkubatoren betrifft, kommen wir wieder auf das Gemeinschaftliche zurück. Eine Führungsform, die sich am System von Altersklassen traditioneller afrikanischer Strukturen orientiert, garantiert geteilte Verantwortung und kollektive Mitwirkung. Es ist idealerweise die Gruppe, die für ein bestimmtes Mandat die Manager für die Tech-Hubs und die Projektleiter auswählt und über die Schwerpunktsetzung auf bestimmte Startups entscheidet. Nach Abschluss des jeweiligen Mandats werden diese Verantwortungsträger Mentoren für die neuen Verantwortungsträger. Somit werden bei jeder Beförderung Kompetenzen übertragen, die auf diese Weise mitwachsen. Bei Projekten, für die Kollaborationswerkzeuge in großem Stil erforderlich sind, gilt dieselbe Verpflichtung zur Teilung in Bezug auf die Durchführung und Leitung dieser Projekte.

3. Das Primat des Gemeinschaftlichen auf der Ebene des Produkts manifestiert sich zunächst ganz deutlich in der Ablehnung des Konzepts der Person des Erfinders. Wir sind der Auffassung, dass es das kapitalistische Wertesystem ist, das postuliert, dass ein Individuum ex-nihilo, bar jedweden Kontextes, sich jedweder gemeinschaftlichen Erfahrung entziehend, keinerlei Kontingenz verpflichtet, von historischen Voraussetzungen und Zusammenhängen isoliert kreieren könne und alles in allem von einer auch nur minimalen Anerkennungspflicht gegenüber der Gesellschaft befreit sei. Dies vorausgesetzt kann diese mythische Gestalt des Erfinders den Genuss der Früchte des Entstandenen für sich allein beanspruchen, gilt er doch als alleiniger Architekt der Erfindung, die er nun skrupellos zu seinem alleinigen Vorteil monetisieren kann.
Unser kollektivistisches Modell, das sich im Kern an dörflichen Gesellschaften orientiert, wo das Eigentum gemeinschaftlich ist und wo ein jeder gehalten ist, allen anderen etwas zurückzugeben, stellt sich einer solchen Absurdität entgegen. Unser Modell verwirft das Konzept des Erfinders, dieser neuen, von der postindustriellen Gesellschaft verherrlichten Elitengestalt, deren Genius vornehmlich blutsaugend ist, thront er doch in geradezu obszöner Art und Weise auf der breiten, amorphen Masse all jener, die er ausgeplündert hat, all jener, die Inspiration geliefert und auf die eine oder andere Weise der Idee zum Durchbruch und letztlich zur Anerkennung verholfen haben. Nun schickt sich dieser Erfinder an, eben diese Masse zu mobilisieren, um (in einem letzten Ausbeutungsakt) „seine“ Idee in der Massenproduktion zu versilbern (wobei er diese letzte Aufgabe über ein Privatpatent auch an die Industrie übergeben kann). Überhöht, dem sozialen Gesamtwesen entrückt, fungiert der Erfinder, diese Lichtgestalt am Firmament, als Dreh- und Angelpunkt eines unerbittlichen Systems, das die anderen an die Kandare nimmt und die Berechtigung für sein Tun aus dem ihm zugeschriebenen schöpferischen, überwältigenden und polarisierenden Genius zieht.
So ist es ausgerechnet die einfache Rückkehr zur traditionellen Gesellschaft, die den gewundenen, einige Jahrhunderte andauernden Weg der Intellektualisierung von Vorherrschaft – vom orthodoxen Marxismus, über die individualistische Anarchie, den revolutionären Syndikalismus und schließlich die Hackerethik – als überholt deklassiert und sowohl das Konzept des Erfinders als auch dieses im Grunde magische Recht verwirft, auf dessen Basis die Industrie und deren Tochter, der Markt, geschaffen werden.
Im Endeffekt setzt HubCity verrückterweise darauf, dass die ideale Stadt die ist, die von den Stadtbewohnern für die Stadtbewohner geschaffen wird, wenn diese erst einmal über die Fähigkeit zur Gestaltung, den entsprechenden Rahmen und die Mittel verfügen. Die Dinge werden somit ausschließlich aus einem Blickwinkel des kollektiven Abenteuers betrachtet. Dieser Anspruch wiederholt sich auf die von uns gezeigte Weise auch in symbolischen Dimensionen. In dieser Utopie, wo sämtliche Kompetenzen durch die Intelligenz der OrganiCity hervorgebracht werden, ist die lokale Verortung Garant für die Bewältigung sämtlicher Herausforderungen im Zusammenhang mit Fairness, Ethik, sozialer Gerechtigkeit und der Umweltfrage.

Was bedeutet der Begriff „Smart Citizen“ für Sie?

Der Entscheidungsträger erträumt sich die afrikanische Stadt als „Smart City“, und zurzeit ist es so, dass Projekte um Projekte abgewickelt werden, von denen eines ruinöser und unrealistischer als das andere ist und Fragen der Inklusion nahezu keine Rolle spielen. Wenn die afrikanische SmartCity ein gravierendes Manko von Afrika offenbart, dann jenes, dass die Technologie und der digitale Boom, die das Innere der SmartCity bearbeiten und die SmartCity erst möglich machen sollen, auf keinerlei gemeinsamem Maßstab beruhen. Unbewusst haben sich die Afrikaner dies bereits eingestanden. Man ist also bereit zuzugeben, dass diese neue urbane Typologie uns noch einen Schritt weiter von uns selbst entfernt.
Standen im Zentrum der „nachhaltigen Stadt“ Begriffe wie „Gelehrsamkeit“ und „Fachwissen“ (in der Person des Architekten), basiert die „SmartCity“ auf „Technologie“ (in der Person des Ingenieurs). Nun zeichnet sich in der Geschichte der Ansätze von Stadtentwicklung eine neue Typologie ab, in deren Mittelpunkt die Figur des Unternehmers steht. Je nachdem, welchen Schwerpunkt man setzen möchte (der eine unterstreicht den Aspekt der Ökonomie des Teilens, der andere den der Distributivität, ein Dritter den des Gemeinschaftlichen), wird eine solche Stadt „Sharing City“, „Stadt der dritten industriellen Revolution“ oder „Co-City“ heißen. Auf jeden Fall wäre ein solcher Paradigmenwechsel in der Lage, den afrikanischen Kontinent zu rehabilitieren, vorausgesetzt er verschriebe sich der lokalen Verortung. Wir haben 2012 die Utopie „Afrikanische HubCity“ ins Leben gerufen, um Inspiration für solch eine Wendung zu geben.
Die Smart City hatte ihre Zeit, nun gilt es, der lokal verorteten Stadt Platz zu machen. HubCity ist eine alternative und partizipative Vision von Urbanismus, die die herkömmlichen regulatorischen und elitären Herangehensweisen hinterfragt und ein Modell vorschlägt, bei dem die Stadtbewohner das Schicksal ihres Viertels selbst in die Hand nehmen. Dies wird möglich, wenn auf einem gegebenen Territorium ein Netz von Tech-Hubs geschaffen wird, die allen offen stehen, wo ein Geist des Teilens gefördert wird und eine #LowHighTech entsteht, die auf einfache Weise die einkommensschwächsten Schichten der Bevölkerung erreichen und durchdringen kann. Wenn sich die kleinen Leute durch den Besuch dieser Orte auf die einer kollektiven Mobilisierung innewohnenden Kräfte zurückbesinnen, werden sie im Laufe der Zeit ihre Fähigkeit zurückerobern, ihre Stadt von morgen selbst zu erdenken, zu konzipieren und zu realisieren.
Zusammengefasst ist der „Smart Citizen“ in der „SmartCity“, wie sie von unseren Politikern konzipiert wird, lediglich der „Nutznießer“ der Stadt. Nach unserer Auffassung sollte er jedoch derjenige sein, der die Stadt erschafft